Worte, die heilen können – Bibliotherapie aus buddhistischem Geist

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Buddhistische Sutren, Mantren, Koans und Zen-Geschichten – inwiefern können Worte heilende Begleiter und Helfer sein auf dem weglosen Weg und damit auch auf dem Weg, sich selbst zu heilen? Nachfolgend ein unorthodoxer Blick auf jene “Arsenale der Seelenmedizin”, auf die heute die Bibliotherapie zurückgreift. Auch über das gesprochene oder geschriebene Wort können wir uns selbst erkennen, gestalten und entfalten. Und es können sich uns ungeahnte Lösungen unserer Lebensprobleme auftun

Der Name „Bibliotherapie“ ist aus den griechischen Worten für Buch (biblion) und Heilung (therapeia) zusammengesetzt. Der Begriff wird dem Pfarrer Samuel McChord Crothers zugeschrieben, der ihn 1916 in einem Artikel über diese therapeutische Methode verwendete. Heute ist sie im Bereich der Gestalttherapie angesiedelt. Was Bibliotherapie meint, hat eigentlich bereits eine lange Tradition. Schon Griechen und Römer betrachteten ihre Bibliotheken als „Arsenale der Seelenmedizin“, und Aristoteles sagte in seiner Poetik, dass die Tragödie einen kathartischen – also geistig-seelisch reinigenden – Effekt auf das Publikum hat. Im Kairoer Al-Mansur Hospital empfahl man schon 1272 Lesungen des Korans als Teil der allgemeinmedizinischen Behandlung. Und 1810 wurde die heilende Wirkung des Lesens von Benjamin Rush auch für psychisch Kranke empfohlen.

Innere Beteiligung

Die Bibliotherapie geht von vier Annahmen aus, die den Menschen und seine Persönlichkeit betreffen:

  • der Mensch ist seinem Wesen nach schöpferisch;
  • sein Leben vollzieht sich aus dem Dialog heraus;
  • gestalteter sprachlicher Ausdruck ist eine Grundeigenschaft des menschlichen Wesens und Teil seiner Entwicklung;
  • das emotionale Leben ist zentral für seine Gesundheit.

Warum Bibliotherapie wirkt, hat bereits in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts L. Rosenblatt so zusammengefasst: „Über die Bücher kann der Leser seine eigene Natur erforschen, er kann in sich selbst Gedanken- und Gefühlskräfte entdecken, er kann klarere Perspektiven erlangen, Ziele und einen Sinn für Richtung entwickeln, die äußere Welt ergründen, andere Persönlichkeitsstrukturen und andere Lebenswege erforschen. Befreit von den Fesseln von Zeit und Raum, kann er die ganze Breite der sozialen und zeitlichen Alternativen durchstreifen, die andere imaginiert und geschaffen haben.“

Als konkrete Einsatzmöglichkeiten der Bibliotherapie werden heute unter anderem Lebenshilfe, Unterstützung der Individuation, Bewältigung von Ängsten aller Art, Selbsterkenntnis sowie die Überwindung von Krisen genannt.

Vor allem die innere Beteiligung des Lesers ist für Bibliotherapie von großer Bedeutung. Das zeigt beispielsweise Clemens Kuby, dessen Film und Buch „Unterwegs in die nächste Dimension“ der Frage nachgeht, auf welchem Prüfstand die Wirkkraft von Spiritualität sichtbar wird. Seine Antwort darauf ist: Heilen. Und er gibt eine einleuchtende Erklärung dafür, die sich auf die Erkenntnisse von Gehirnforschung und Neurophysiologie stützt: „Die wichtigste Eigenschaft des Gehirns ist es, die eigene Wirklichkeit zu erschaffen. Dafür nimmt es über 90 Prozent der Informationen aus dem eigenen Fundus und nicht über die Sinnesorgane von außen auf. Also muss das, was für wahr gehalten wird, bei jedem etwas anderes sein. Das Gehirn weist den an sich bedeutungsfreien neuronalen Prozessen die Bedeutung erst zu.“ Und damit geht es für den Menschen auch darum, jene Prozesse auszulösen, die zur (Selbst)-Heilung führen können.

 Als Buddha krank war…

Buddha spricht bereits in seiner ersten Predigt in Benares von der „heiligen Wahrheit vom Leiden“, das es zu überwinden gilt, vom Leiden, das durch Geburt, Krankheit, Alter, Gram, Trennung entstanden ist. Der Mensch kann aber, wenn er das Leiden erkennt, durch das Beschreiten des achtfachen Pfades (rechte Ansicht, rechter Entschluss, rechte Rede, rechtes Verhalten, rechter Lebensunterhalt, rechte Anstrengung, rechte Achtsamkeit und rechte Meditation) davon befreit werden.

Schon eine frühe Geschichte buddhistischer Tradition berichtet von einer Heilung. Als Buddha einmal krank war, bekam er Besuch. Er bat seinen Besucher, dass er ihm die sieben Erleuchtungsglieder rezitiert:

  • Achtsamkeit
  • Untersuchung der Dinge,
  • Streben,
  • Freude,
  • Ruhe,
  • meditative Versenkung,
  • Gleichmut.

Nachdem er gut zugehört hatte und nicht nur die Rezitation seines Gastes, sondern auch die Lehre lobte, geschah es – da „… war der Erhabene von dieser Krankheit genesen.“ Soweit die Überlieferung.

Von der Magie des Wortes

Mit großer Wertschätzung spricht Lama Anagarika Govinda von der „Magie des Wortes und der Macht der Sprache“. Gerade die irrationale Eigenschaft der Worte ist es, „die unsere tiefsten Gefühle erregt, unser innerstes Wesen erhebt und es mitschwingen lässt mit anderen.“ In dem „Augenblick, wo wir eine Erscheinung in ihrer ganzen Tiefe und Fülle sehen und verstehen, verliert sie ihre Furchtbarkeit. Die Kräfte der Tiefe – wie alle Kräfte der Natur – sind von sich aus weder zerstörerisch noch aufbauend: Wir selber sind es, die sie zu dem einen oder anderen machen bzw. ihnen diese Bewertung unterschieben. Wichtig ist, was wir sehend erkennen, d.h. nicht intellektuell konstruieren, sondern ganzheitlich erfahren und erleben.“

Als ein Vermittler der heilenden Kraft von Worten wird Manjusri – „der von lieblicher Schönheit“ – gesehen. Er wird als Bodhisattva der Weisheit verehrt. Dem Heilssucher, so heißt es, hilft er dadurch, dass er ihm das Verständnis der buddhistischen Schriften verleiht und die Gedächtniskraft, sie im Wortlaut auswendig zu behalten. Mit dem Flammenschwert, einem seiner beiden Attribute, zerstört Manjusri die Unwissenheit und bringt so Licht in die Finsternis. Mit dem Buch, seinem zweiten Attribut, schafft er Geistesaktivität und ermöglicht neuen Anfang. Manjusri lobt im Bhaisajya-guru-Sutra den Buddha mit der Anrufung:

„O Herr, Meister des Heilens, Buddha im Lapislazuli-Glanz.“

Er weckt damit nicht nur die göttlichen Heilkräfte des Buddha, sondern auch dessen schützende Fähigkeiten. Doch was hat es genauer auf sich mit Koans, Zen-Geschichten, Mantren und Sutren?

Koans – Anstöße zur Erkenntnis

Wörtlich bedeutet Ko-an Urkunde oder gesetzliche Verordnung. Im übertragenen Sinn ist damit aber gemeint: „Ort, an dem die Wahrheit ist.“ Heute wird mit Koan vor allem die Anekdote eines Meisters, eine Feststellung oder Frage gemeint. Koans sind ein Mittel, den „Geist für die Wahrheit des Zen“ zu eröffnen. Die Meditation über ein Koan führt dazu, den Intellekt zu überschreiten und die nichtduale Natur der Wirklichkeit zu erfahren. Koans werden dem Zen-Schüler vom Lehrer gegeben, um ihn zur Erkenntnis zu bringen und ihm zu helfen, sein Verständnis zu vertiefen. Das immer wieder neue Fragen des Schülers löst jenen inneren Zweifel aus, der dazu führt, Hergekommenes und Überholtes nicht mehr gelten zu lassen und damit die Öffnung für grundlegend neue Erfahrungen zu ermöglichen, die als Erleuchtung bezeichnet wird. Nachfolgend eines der ältesten Koans, der Dialog zwischen dem sechsten Patriarchen und dem Mönch Ming: Der Patriarch antwortete auf die Frage des Mönchs Ming, was Zen sei: „Wenn dein Geist nicht im Zwiespalt von Gut und Böse weilt, was ist dann dein ursprüngliches Antlitz, bevor du geboren warst?“ Mit dieser Frage wird der Mönch aufgefordert, seinem inneren Selbst zu begegnen. Ein anderes Koan berichtet von Meister Hakuin: Hakuin klatschte in die Hände. Nachdem er sich schweigend erhoben hatte, fragte er „Hörst du die Stimme der einen Hand?“ In der Praxis wird heute ein Stamm von rund 500 Koans verwandt, die für die innere Schulung als besonders geeignet angesehen werden. Insgesamt gibt es eine Sammung von etwa 1.700 klassischen Koans.

Selbstentdeckung durch Zen-Geschichten

Auch Zen-Geschichten gehören zum literarischen Repertoire, das im Rahmen von Bibliotherapie genutzt werden kann. Denn Zen-Geschichten sind Geschichten über Selbstentdeckungen, die dem Ziel dienen, das Bewusstsein zu öffnen. Nimmt man sie ernst, kommt man zum Zen ohne Umwege. Denn Zen zeigt sich „im täglichen Leben, als Bewusstsein in Aktion“, wie Paul Reps schreibt. „Die eigentliche Absicht der Zen-Geschichten besteht nicht darin, Ereignisse der Vergangenheit zu dokumentieren, sondern eine aktuelle Wirkung auf den Leser auszuüben. Das ist ihre historische Dimension“, sagt Thomas Cleary, der ebenfalls eine Sammlung von Zen-Geschichten veröffentlicht hat. Ein charakteristisches Beispiel ist wohl diese Geschichte: Ein junger Mann suchte einen Zen-Meister auf. „Meister, wie lange wird es dauern, bis ich Befreiung erlangt habe?“ „Vielleicht zehn Jahre“, entgegnete der Meister. „Und wenn ich mich besonders anstrenge, wie lange dauert es dann?“, fragte der Schüler. „In dem Fall kann es zwanzig Jahre dauern“, erwiderte der Meister. „Ich nehme aber wirklich jede Härte auf mich. Ich will so schnell wie möglich ans Ziel gelangen“, beteuerte der junge Mann. „Dann“, erwiderte der Meister, „kann es bis zu vierzig Jahre dauern.“

Mantren – Türöffner zur Wirklichkeit

Aus der Sanskrit-Wurzel „man“ für denken und der Silbe „tra“, was Mittel, oder Werkzeug, oder bewirkende Kraft bedeutet, setzt sich das Wort Mantra zusammen. Richard B. Applegate bezeichnet Mantren als „Werkzeug für den Geist“. Durch das rezitieren von Mantren „erweckt der Gläubige die in ihren Schwingungen enthaltenen magischen heilswirksamen Kräfte in seinem eigenen Bewusstsein“, sagt das „Lexikon des Buddhismus“. Mantren werden als “die lautliche Realisation von Gottheiten angesehen und durch die Wandlung heilswidriger Verdunkelungen sollen sie der Harmonisierung von Körper und Geist dienen.“ In der Rangfolge gleich nach der Meditation ist „die Wiederholung des Mantras wahrscheinlich die wirksamste aller spirituellen Techniken, die als Teil der gesamten Bemühungen um ein geistiges Leben eingesetzt werden. Die Meditation setzt beständige Anstrengungen und Willenskraft voraus. Das Mantra erfordert nichts dergleichen“, betont Eknath Easwaran. Denn er weiß: „Auf dem Weg des Mantras wird der ganze Mensch berührt und nicht nur der Verstand. Das Verstehen, das ein Mantra auslösen kann, ist viel umfassender als intellektuelles Begreifen. Alle Frequenzen, die Ihren Organismus, Ihre Gefühlswelt und Ihr Bewusstsein ausmachen – vom physischen Körper über den Emotionalkörper bis hin zum Höheren Selbst – werden im Idealfall durch das Mantra angeregt und ins Gleichgewicht gebracht.“ Inhaltliche Schwierigkeiten mit der allzu komplex erscheinenden Struktur von Sanskrit-Texten muss man seiner Meinung nach nicht haben. „Das Rezitieren von Sanskrit-Mantras zeigt auch dann seine positiven Effekte, wenn wir den Inhalt und die Symbolik der Wörter nicht bis ins Detail deuten und mit dem Verstand erfassen können.“

Das wohl älteste und am weitesten verbreitete Mantra ist das aus Tibet stammende: „Om mani padme hum“ beziehungsweise „Om mani peme hung“, das „Juwel im Lotos“ heißt. Dieses Mantra, das die Kraft des Mitgefühls (Bodhisattva Avalokiteshvara / Chenresi) verkörpert, ist ein Ausdruck für die Liebe zu allen Lebewesen und drückt den Wunsch nach Befreiung und Erlösung aus, dem Wohl aller zu dienen.

Ein anderes bedeutendes Mantra ist das „Om ah hum“, mit dem die drei Ebenen der Wirklichkeit dargestellt werden. die universelle Wirklichkeit, die ideale und die individuelle. Nach Lama Anagarika Govinda entsprechen sie dem Scheitel-, dem Kehlkopf- und dem Herz-Chakra. Andere Deutungen sehen im „Om“ den Buddha des grenzenlosen Lichts und des Erbarmens (Amithaba), bei „ah“ den Bodhisattva des Mitgefühls Avalokiteshvara und mit „hum“ Padmasambhava, der den tibetischen Buddhismus begründete und wie ein Buddha verehrt wird.

„Om ah hum“ will dabei helfen, Polarisierungen zu überwinden und das Unbegrenzte im Begrenzten zu sehen, das Heilige im Alltäglichen.

Sutren – Lehrer der Aufmerksamkeit

Die Rezitation der Sutren hat ebenfalls eine aktive, dynamische Dimension. Die inhaltliche Bedeutung der Sutren hat bei der Rezitation keine allzu wesentliche Funktion. Es ist dagegen vor allem die Schulung von Aufmerksamkeit und Einfühlungsvermögen, die der Rezitierende lernt. Das Ergebnis ist frappierend. Denn beim Rezitieren wird die tiefe innere Verbindung erkannt, die innere und äußere Welt eins werden lässt.

Als Beispiel hier ein Ausschnitt aus dem Herz-Sutra:

“Wenn unser wahres Selbst sich furchtlos prüft und Achtsamkeit übt, entdeckt es, dass unsere Überzeugungen, Charaktermängel und Krankheiten leer und ohne wirkliche Existenz sind… Alles ist gut. Deshalb solltest du die Wahrheit über die Gesundung des wahren Selbst kennen, die Wahrheit, die lehrt, dass niemals eine Wahrheit zu finden war, die Wahrheit, die lehrt, dass niemals eine Wahrheit zu verlieren war, die transzendente und weltliche Wahrheit, die Wahrheit, die allein bestätigt, gegen die alles andere Leugnung ist. Die Wahrheit, die du so lange vor dir selbst verborgen hast und die du jetzt eingestehen kannst: Wahres Selbst! Ich kenne dich jetzt!”

Das sind Sätze, die es nicht nur ermöglichen, enormen Druck wegzunehmen, sondern die auch Genesung, Gesundung möglich werden lassen.

Worte – die Wahrheitsleitern

Ekai warnte schon früh: „Worte können nicht alles beschreiben. Des Herzens Botschaft lässt sich nicht in Worte fassen. Wer Worte wörtlich nimmt, ist verloren. Wer mit Worten zu erklären versucht, kann keine Einsicht ins Leben gewinnen.“ Und er warnt damit davor, Worte zu Bewusstseinsfallen werden zu lassen. Zu achten ist also darauf, nicht die Worte an sich, sondern die Worte in ihrer Be-Deutung ernst zu nehmen. Gelingt dies, können aus einer Folge von Buchstaben aus dem Alphabet Worte der Transzendenz werden, Worte des Überschreitens der Grenzen unserer Erfahrungen und unseres diesseitigen Bewusst-Seins. Und heilende Worte werden so zu einer Leiter des wirklichen, weil spirituellen Lebens, zu einer Lebens-Leiter: „Man muss eine Leiter erschaffen“, sagt Osho. „Man geht höher oder tiefer, was letztendlich das Gleiche ist. Wenn du höher gehst, gehst du tiefer. Wenn du tiefer gehst, gehst du höher. Aber du beginnst, dich in einer ganz neuen Dimension zu bewegen.“

© Werner Anahata Krebber

Literatur:

Ash, Mel: Das Zen der Gesundung. Spirituelle und therapeutische Techniken auf dem Weg von Abhängigkeit zur Freiheit. München 1997;
Birnbaum, Raoul: Der Heilende Buddha. Eine Einführung in das psychosomatische Heilsystem des Buddhismus. Bern/München 1982;
Easwaran, Eknath: Mantram. Hilfe durch die Kraft des Wortes. Freiburg/Br 52000;
Krebber, Werner: Der Weg zum Selbst. Vom Weg in die Zukunft auf den Spuren der Mystik. In: connection special 68 “Der neue Mensch”, Niedertaufkirchen 2003;
Krebber, Werner: Worte die das Herz öffnen. Vorboten und Wegweiser zur Heilung. In: connection special 72 “Aufbruch in den Religionen”, Niedertaufkirchen 2004;
Oehme, Anja: Möglichkeiten und Grenzen bibliotherapeutischer Arbeit für den Literaturunterricht unter Berücksichtigung von Prävention bzw. Abbau von Verhaltensstörungen. Online: http://www.foepaed.net/index.php/volltexte2/67-bibliotherapie;
Lipsett, Peter R.: Wege zur Transzendenzerfahrung. Münsterschwarzach 1992;
Petzolt, Hilarion; Orth, Ilse (Hg.) Poesie und Therapie. Über die Heilkraft der Sprache. Paderborn 1985;
Reps, Paul: Ohne Worte – ohne Schweigen. 101 Zen-Geschichten und andere Zen-Texte aus vier Jahrtausenden. Bern/München/Wien 1976;
Schumann, Hans Wolfgang: Handbuch Buddhismus. Die Zentralen Lehren: Ursprung und Gegenwart. Kreuzlingen/München 2000

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Neue Seite zeigt Texte „Auf einen Blick“

aufeinenblick

Mit einer neuen Seite wartet „mystikaktuell“ jetzt auf. Unter dem Titel „Auf einen Blick“ finden sich Links zu spirituellen Anregungen von mir, die zwischenzeitlich in dem vergriffenen e-Book „Der Weg zum Selbst. Texte zu Mystik und Spiritualität“ veröffentlicht waren. Für diese neue Online-Version habe ich die Texte ergänzt und weitere hinzugefügt.

https://mystikaktuell.wordpress.com/auf-einen-blick-spirituelle-anregungen-von-werner-a-krebber/

Wege zum Selbst

Wird der Zukunftsmensch ein Mystiker sein? Ja, oder es wird ihn nicht mehr lange geben. Schon über dem Apollotempel im griechischen Delphi stand: “Erkenne dich selbst!” -die Aufforderung an den staunenden Betrachter, der Ur-Frage menschlicher Existenz -“Wer bin ich?” – nachzuspüren, und gleichzeitig das Angebot, dem mystischen Weg zu folgen. Mystik ist kein spiritueller Sonderweg für weltfremde Eremiten, sondern ein „wegloser Weg”, der uns eintauchen lässt in das einende Sein, die letzte Wirklichkeit, die immer schon in uns ist – verlieren wir sie, sind wir verloren

 

Wer sich mit Mystik befasst, ist dazu eingeladen, sich in seinem tiefsten Inneren massiv erschüttern zu lassen, sich von gewohnten Bildern und Sichtweisen, von liebgewordenen Vorstellungen und Konzepten zu verabschieden. Er ist dazu eingeladen, jene Begrenzungen zu überschreiten, die ihm oft nicht einmal bewusst sind. Doch das, was diese Erschütterungen hervorruft, ist eigentlich unbeschreiblich. So schreibe ich nachfolgend über dieses eigentlich Unbeschreibliche, das als Mystik seit Jahrtausenden die Menschen bewegt und in allen Religionen zu finden ist. Ich bin mir dabei stets bewusst, dass die Grenzen von Sprache sehr schnell erreicht sind, wenn es um die Beschreibung jener letzten Wirklichkeit und mystischen Erfahrung geht.

Wir meinen alle dasselbe

Es verwundert nicht, dass auch die Begriffe für die Beschreibung dieser Erfahrungen in der mystischen Literatur recht verschieden sind. Manche sprechen von “der letzten Wirklichkeit”, andere vom “Absoluten”, vom “Alles ist Eins”, von “Brahman”, von “Atman”, vom “wahren Ich”, vom “Selbst”, von der “Einheit von allem” usw. All dies sind eben Beispiele, die bezeugen, wie tief die Sehnsucht verankert ist, den Weg zum eigenen Selbst zu beschreiten, ihn zu finden und zu beschreiben. In der Geschichte der Mystik gibt es eine Vielzahl von Erscheinungsformen, die sich durch die unterschiedlichen Religionen ziehen: hinduistische Mystik, die Systeme des Yoga, die Vorsokratiker und philosophischen Schulen Griechenlands seit dem 6. Jahrhundert v.u.Z., jüdische mystische Strömungen wie die Kabbala oder der Chassidismus, die islamischen Mystiker und die des Christentums. Konkret sind es vor allem Ekstase, Einigung und Nicht-Sein, die in mystischen Erfahrungen erfahren werden. Ekstase meint die Öffnung des Ich-Bewusstseins vom Personalen zum Transpersonalen. Einigung beschreibt die mystische Vereinigung mit dem Absoluten. Nicht-Sein meint, dass der Mensch erlebt oder erfährt, wie das Sein in ein reines Nichts hinübergleitet. Namen wie Platon, Plotin und Eckehart, wie Teresa von Avila, Mechthild von Magdeburg und Hildegard von Bingen sind hier nur wenige in einer langen Linie mystischer Traditionen, die uns bis in die Gegenwart führt eine Linie, die leider viel zu oft nicht zur Kenntnis genommen wurde.

Was ist Mystik?

Der Begriff Mystik kommt von dem griechischen Wort “myein” und meint das schließen von Augen, Ohren und Mund, um sich für ein religiöses Grundphänomen zu öffnen. “Augen und Mund schließen – und zwar nicht aus Enttäuschung, sondern aus Verwunderung, als Ausdruck höchster Kommunikation. In der Mystik tritt uns Menschen das Geheimnis entgegen, das erfüllt und dermaßen fasziniert, dass uns nur schweigende Anbetung, Staunen und Verwundern, ganzheitliches Gegenwärtigsein bleibt,” sagt dazu der Mystik-Kenner Anton Rotzetter. Die Auseinandersetzung mit Mystik zeigt, dass immer mehr Menschen auf der Suche nach tiefster Wahrheit sich auf einen spirituellen Weg aufmachen. Einerseits, weil sie diese Wahrheiten in den institutionalisierten Formen der Großkirchen nicht mehr finden oder sie dort Antworten auf Fragen bekommen, die sie nicht gestellt haben. Andererseits, weil sie auf pseudo-esoterischen Umwegen nicht wirklich “satt” geworden sind, weil ihnen da Selbst-Darsteller den Blick auf das Eigentliche eher verstellt, als geöffnet haben. Den mystischen Weg bezeichnet Ingeborg Wolf dann auch als einen “Weg nach Hause”: “Wenn wir erfahren, wer wir sind, und wenn wir leben, was wir sind, verkörpern wir ewiges Sein, und leben in der Freiheit des Gottmenschen, des Erwachten, des Erleuchteten, des Wiedergeborenen oder des Mystikers. In diesem Zustand gibt es keine Grenzen zwischen den Menschen und den Geschöpfen, er ist Einheit allen Seins in vollkommener Harmonie.”

Herausforderungen unserer Zeit

Zu dem “Einen”, der “letzten Wahrheit” wollen die Menschen seit Jahrtausenden. Die Herausforderungen an die Menschen im dritten Jahrtausend haben sich jedoch sehr verändert. Eine zunehmende Beschleunigung der Lebensumstände ist nur eines von vielen Phänomenen. Gleichzeitig können diese Herausforderungen die Menschen auf den mystischen Weg führen und ihr Schritt-Tempo entschleunigen. Auch hat sich die Lebensqualität in den letzten Jahren weltweit enorm verschlechtert, besonders für die sogenannten Entwicklungsländer, aber mit erschreckenden Folgen auch für uns. “Armut, Korruption, schwere Fehler in der Wirtschaftspolitik, kulturelle Isolation, ethnische Konflikte und das Desinteresse der reichen Nationen sind nach Estes’ Ansicht die Hauptursachen für die negative Entwicklung in diesen Ländern, soziale Konflikte und bewaffnete Auseinandersetzungen die wahrscheinlichen oder schon sichtbaren Folgen,” heißt es beispielsweise in einer Untersuchung, die Richard Estes von der amerikanischen University of Pennsylvania vorgestellt hat. Bei steigender Arbeitslosigkeit, wachsender Isolation, zunehmender gesellschaftlicher Entsolidarisierung und anwachsenden Scheidungsraten zeigt sich, wie der Einzelne von Bedrohungen und Ängsten herausgefordert wird, denen er oft nur allzu schwer begegnen kann.

Die Sehnsucht vieler Menschen geht daher heute noch stärker dahin, genau diese Fülle des Lebens zu erfahren, die sie so schmerzlich vermissen. Sie wollen eindringen in die tiefste Wirklichkeit, die innerste Wahrheit ihres Seins.

Spiegel und Labyrinth

Zwei Bilder sind es hier vor allem, die ich vor Augen habe, wenn es um Selbst-Erkenntnis und ihre Herausforderungen geht: der Spiegel und das Labyrinth. Im Spiegel sieht der Mensch sich nicht nur selbst, er bekommt gespiegelt, was und wie er ist. Mit dem Blick in den Spiegel hat der Mensch die Möglichkeit, in das Fenster der Seele zu sehen. Darauf einlassen kann er sich, weil der Spiegel neutral, unparteiisch und kompromisslos ist. Es braucht aber die Bereitschaft des Menschen, sich genau anzuschauen, was mit ihm ist, wie es um ihn steht. Und das ganz ehrlich und ungeschminkt, um sich der eigenen Wahrheit stellen zu können. Das Fazit des Spiegels lautet daher: “Ich bin, der ich bin”. Dann kann der Weg hinein ins Labyrinth beginnen – der innerdynamische Prozess der Selbsterkenntnis. Der Weg des Labyrinthes ist schon von seiner Anlage her seit Jahrtausenden ein Weg nach innen, ein Weg zum eigenen Selbst, zur tiefsten Wahrheit. Das Zentrum des Labyrinthes ist aber nicht das letzte Ziel. Denn der Weg des Menschen führt auch wieder zurück, nach außen, in die Welt, mit der sich der Mensch im Labyrinth untrennbar verbunden fühlt, weil er mit ihr untrennbar verbunden ist. Das verhindert beispielsweise, sich in oberflächlicher Selbst-Bespiegelungen und Egozentrik zu verstricken. Für Indianer beispielsweise erfährt der Mensch im Labyrinth die Wahrheit dessen, was geschehen ist, er wird aufgefordert, das innere Potenzial zu erkennen, bestärkt, auf das innere Wachsen zu vertrauen und angeregt, sich selbst bedingungslos zu lieben. Und dies alles mit einem – im wahrsten Sinne des Wortes – “aufrechten” Gang. Das Fazit des Labyrinthes heißt daher: Der Weg nach innen ist der Weg nach außen. Spiegel wie Labyrinth brauchen aber den immer wieder neu entschlossenen Mut zu Aufbruch und Neuanfang desjenigen, der auf der Suche nach sich selbst ist.

Mehr zum Labyrinth hier: https://mystikaktuell.wordpress.com/2011/05/21/labyrinth-das-grose-abenteuer/

Viele Wege, ein Ziel

Trotz mancher Unterschiede in den verschiedenen mystischen Traditionen wollen alle Mystiker ein einziges Ziel erreichen: die letzte, tiefe Wahrheit “schauen”. Sie fordern dazu auf, die engen Grenzen konfessioneller Bekenntnisse zu überschreiten. “Die tiefste Form des Miteinander-Teilens geschieht in und durch mystische Weisheit, durch Lehren, Einsichten, Methoden des spirituellen Lebens und deren Früchte. Ein reifes mystisches Leben ist naturgemäß, ja geradezu organischerweise interspirituell, weil die mystische Reise in der Tiefe des Menschen innere Freiheit und Befreiung entzündet”, betont der Religionswissenschaftler Wayne Teasdale. Und er zeigt die konkreten Auswirkungen auf: “ein tiefes Engagement für Gewaltlosigkeit; Einfachheit des Lebensstils; ein Gefühl von Zusammengehörigkeit mit allen Lebewesen und der Erde selbst; eine spirituelle Praxis des Gebets, der Meditation, der Kontemplation, verbunden mit liturgischen Feiern; Selbsterkenntnis, in der wir uns so sehen, wie wir sind; barmherziges Dienen sowie das Engagement für Gerechtigkeit.”

Mystik – ganz praktisch

Bei der praktischen Umsetzung, wie mystische Erfahrungen gemacht werden könnten, ist Vorsicht angesagt. Die Mystiker selbst geben fast keine praktischen Tipps auf den Weg – so individuell wie ihre eigenen Erfahrungen gewesen sind, sind es auch die jener, die sich auf den weglosen Weg machen. Es ist daher angesagt, behutsam vorzugehen: nur jenen Schritt weiter voranzugehen, der einem selbst gemäß ist.

Dabei wird deutlich: Nicht erst die mystische Erfahrung “an sich” ist es, die dazu führt, dass sich der Mensch verändert. Schon derjenige, der sich entschließt, den spirituellen Weg zu beschreiten, hat damit bereits die Möglichkeit seiner inneren Transformation in Gang gesetzt. Gehen kann er diesen Weg auf sehr unterschiedliche Weise. Ist der eine eher von einer Meditation im Zen zu erreichen, wird die andere stärker durch kontemplative Formen der Meditation angesprochen. Schweigende Anbetung, Staunen und Verwundern, ganzheitliches Gegenwärtigsein – das bleibt, wenn Menschen mystische Erfahrungen gemacht haben. Und es sind die Chancen des Menschen heute, sich mystischen Wegen und mystischen Erfahrungen zu öffnen. “Du – Ich – Hier – Jetzt”. Immer wieder ist dabei das Gewahr-Werden und Gewahr-Sein durch Selbsterkenntnis und Akzeptanz, die dem Menschen zeigen, dass es keine Trennung gibt, dass er schon längst in der Einheit mit der letzten Wirklichkeit ist.

Der Mystiker der Zukunft

In Erweiterung eines Zitates des Jesuitentheologen Karl Rahner ist meiner festen Überzeugung nach festzuhalten: “Der Mensch der Zukunft wird ein Mystiker sein, oder er wird nicht mehr sein.” Der Mensch der Zukunft wird diesen Weg allerdings nicht allein gehen müssen, weil er sich verbunden weiß mit anderen, die ebenfalls diesen Weg für sich gewählt und beschritten haben. Dabei gilt der Satz von David Steindl-Rast: “Indem wir unsere mystischen Momente mit allem, was sie bieten und verlangen, zulassen, werden wir die Mystiker, die wir sein sollen. Schließlich ist der Mystiker keine besondere Art Mensch, sondern jeder Mensch eine besondere Art Mystiker.”

Werner Anahata Krebber

 

Literatur

Bancroft, Anne: Mystiker – Wegweiser für die Zukunft, Olten/Freiburg/Br. 1992

Borchert, Bruno: Mystik. Das Phänomen – Die Geschichte – Neue Wege, Königstein im Taunus 1994

Jäger, Willigis: Mystik – Weltflucht oder Weltverantwortung? In: Concilium 30(1994), S. 332-339

Jäger, Willigis: Die Welle ist das Meer. Mystische Spiritualität. Freiburg/Br. 32000

Krebber, Werner: Nim din selbes war. Meister Eckhart und Zen-Buddhismus. In: Buddhismus als Weltreligion. Connection spezial 64, S. 56-59

Krebber, Werner: Erleuchtung im Durchbruch des Nichts. Der Mystiker Johannes Tauler und Zen. In: Buddhismus im Westen. connection special 52, S. 26-28

Mommaers, Paul: Was ist Mystik?, Frankfurt/M. 1979

Steindl-Rast, David: Fülle und Nichts. Die Wiedergeburt christlicher Mystik, München 1986

Suzuki, D.T.: Der westliche und der östliche Weg. Essays über christliche und buddhistische Mystik, Frankfurt/Berlin/Wien 1982

Teasdale, Wayne: Mystik als Überschreiten letzter Grenzen. Eine theologische Reflexion. In: Concilium 35(1999), S. 227-232

Wehr, Gerhard: Europäische Mystik zur Einführung. Hamburg 1995; Wilber, Ken: Wege zum Selbst. Östliche und westliche Ansätze zu personalem Wachstum. München 1991

Wolf, Ingeborg: Mystik. Zen, Kontemplation, Yoga, Kabbala, Sufismus, Taoismus. Praxis und Orientierung im Spiegel von Psychologie, Naturwissenschaft und Gesellschaft. Chance für die Menschheit, Frankfurt/M. 2000

Der Artikel erschien zuerst in „connection special 68: Der neue Mensch“, Oktober-November 2003, S. 26- 29