Das Ich im Selbst auflösen

Jung, Ignatius und Ramana | Bilder: Archiv

Das Ziel östlicher Praktik ist dasselbe wie das der westlichen Mystik: der Schwerpunkt wird vom Ich zum Selbst, vom Menschen zu Gott verschoben; was bedeuten will, dass das Ich im Selbst, der Mensch in Gott verschwindet. Es ist evident, dass Shri Ramana entweder wirklich vom Selbst weitgehend aufgesogen ist, oder doch wenigstens ernstlich und lebenslang danach strebt, sein Ich im Selbst aufzulösen. Ein ähnliches Streben verraten auch die Exercitia Spiritualia (Exerzitien des Ignatius von Loyola. wak) indem sie den „Eigenbesitz“, das Ichsein in möglichst hohem Maße der Besitznahme durch Christum unterordnen.

C.G. Jung (1875 – 1961) Über den indischen Heiligen. Einführung zu Heinrich Zimmer: Der Weg zum Selbst. Lehre und Leben des indischen Heiligen Shri Ramana Maharshi aus Tiruvannamalai, Zürich 1944

Geteilte Welten in Christus transzendieren

Foto: (c) wak

Wenn ich in mir das Denken und die Frömmigkeit der östlichen und westlichen Christenheit, der griechischen und lateinischen Väter, der Russen mit den spanischen Mystikern vereinige, kann ich in mir die Wiedervereinigung der getrennten Christen vorbereiten. Von dieser geheimen und unausgesprochenen Einheit in mir selbst kann schließlich eine sichtbare und manifeste Einheit aller Christen entstehen.  Wenn wir zusammenbringen wollen was geteilt ist, können wir dies nicht tun, indem wir eine Spaltung über die andere stülpen oder die eine Spaltung in die anderen. Wenn wir das aber tun, ist die Vereinigung nicht christlich. Sie ist politisch, und zu weiteren Konflikten verdammt. Wir müssen alle geteilten Welten in uns enthalten und sie in Christus transzendieren.

Thomas Merton (1915 – 1968) in „Conjectures of a Guilty Bystander“

Die Leere ist die höchste Fülle

Simone Weil | Bild: Archiv

 

Die Leere ist die höchste Fülle,
aber der Mensch hat nicht das Recht,
dies zu wissen.
Der Beweis liegt darin,
dass Christus selber,
für die Dauer eines Augenblicks,
jedes Wissen davon abhandengekommen ist.
Ein Teil meiner Selbst soll es wissen,
aber nicht die anderen;
denn wüssten sie es auf ihre niedrige Weise,
so gäbe es keine Leere mehr.

Simone Weil (1909 – 1943) in: Schwerkraft und Gnade. Berlin 2021, S. 29

Das Thomas-Evangelium: 114 apokryphe Jesusworte

Der Beginn des Thomas-Evangeliums / Montage: wak

 

In einer heute oft genutzten Online-Enzyklopädie heißt es zum Thomas-Evangelium unter anderem:

„Das Thomasevangelium (auch Evangelium nach Thomas, kurz: EvThom, EvTh oder auch ThomEv) ist eine apokryphe Sammlung von 114 Logien (Sprichworten) und kurzen Dialogen. Der vollständige Text dieser Sammlung liegt in einer koptischen Version vor, die um 350 n. Chr. niedergeschrieben wurde, möglicherweise für Philosophen in Alexandria. Sie enthält Übereinstimmungen zu Jesusworten, die im Neuen Testament bekannt sind, aber auch mehrere sonst unbekannte Jesusworte. …

Die Sammlung zeigt eine eigenständige Theologie, die nach heutigem Forschungsstand weder nur aus dem Urchristentum noch nur aus dem Gnostizismus hergeleitet werden kann. …“

 

Eine verlässliche Übersetzung findet sich in der „Bibliothek der Kirchenväter“ in verschiedenen Textformaten:

DOCX: https://bkv.unifr.ch/files/16/related_files/Thomas-Evangelium_deutsch_16.docx
EPUB: https://bkv.unifr.ch/files/16/related_files/Thomas-Evangelium_deutsch_16.epub
PDF: https://bkv.unifr.ch/files/16/related_files/Thomas-Evangelium_deutsch_16.pdf
RTF: https://bkv.unifr.ch/files/16/related_files/Thomas-Evangelium_deutsch_16.rtf

 

Historische und theologische Einordnungen finden sich hier:

https://www.ev-kirche-riedenberg.de/fileadmin/mediapool/gemeinden/KG_riedenberg/Thomasevangelium.pdf

https://neues-testament.uni-graz.at/de/institut/mitarbeiterinnen/univ-prof-dr-christoph-heil/lehrveranstaltungen/lehrveranstaltungen-im-sommersemester-2001-universitaet-bamberg/thomasevangelium/

 

Jakob Böhme: Neues Sein und neues Leben

Foto: © wak

Das Geheimnis liegt in der Menschwerdung Christi, die nicht nur als ein historisches Faktum, sondern vor allem als eine mystisch-existentielle Tatsache erfahren wird. Die Menschwerdung hat in jedem einzelnen zu geschehen, und zwar allen Widerständen und Hindernissen zum Trotz…
Alles zielt darauf hin, dass die Wiedergeburt als ein Akt einer tiefgreifenden, geistig-seelischen Erneuerung Ereignis wird. Eine nur äußerliche, auch im Sinne der Reformation Luthers „zugerechnete Gerechtigkeit“, die den „alten Adam“ unverändert läßt, nimmt Böhme mehrmals aufs Korn. Böhme möchte, dass Christi Licht und Kraft in jedem einzelnen wirksam wird. Sein christlich-esoterisches Streben soll der Intensivierung des Christus-Bewusstseins dienen und einen Zustrom an spiritueller Energie in Gang bringen, um schließlich ein neues Sein und ein neues Leben, das allein Christus schenkt, erfahrbar zu machen. Doch damit ist der Geisteslehrer längst zu einem spirituellen Meister und zum Seelenführer geworden, der in Wort und Schrift den Suchern auf dem Weg der Christusnachfolge entgegengeht, um ihnen Führung und Geleit zu geben.

Gerhard Wehr in: „Jakob Böhme – Der Geisteslehrer und Seelenführer“ zum christosophischen Aspekt Böhmes. Freiburg/Br. 1979, S. 70 – 71

Das Himmelreich ist in euch selbst

Foto: © wak

Daß Zeit gleich Ewigkeit und Ewigkeit gleich Zeit, wohlverstanden: Zeit in der Bedeutung von Gegenwart, zu setzen ist, was als ein Widerspruch erscheint und doch tiefste Weisheit enthält, wissen wir seit den Tagen der großen Mystiker. Dieses Wissen ist das Geheimnis unseres Lebens, und nur der, dem es ganz sich entschleiert hat, wird sein Dasein sinnvoll leben, wird zu den Tiefen seiner Wesenheit zurückfinden können und in jenen Zustand leidensferner, Ich-gelöster Seligkeit schon bei Lebzeiten gelangen, von dem einmal Christus sprach, als er lehrte: Das Himmelreich ist in euch selbst.

„Der Dichter und seine Zeit“ von Hermann Stehr im Jahr 1929. Erschienen in: Vom Geheimnis des Jenseits im Diesseits, Brentano Verlag, Stuttgart, 1960

Der vollständige Text ist hier nachzulesen:

MAGISCHE BLÄTTER
CI. JAHRGANG HERBST 2020
3. Quartalsausgabe August, September, Oktober, gebunden
ISBN.Nr. 978 -3-948594-03-9

HEFT 9 |  Oktober 2020

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Bestellt werden können die Magischen Blätter hier: kontakt@verlagmagischeblaetter.eu

Reise in diese Welt

Foto: © wak

Das für unsere Kultur relevante Symbol der Einheit von Gottesliebe und Solidarität ist Christus. Leben wie Christus gelebt hat, „gesinnt sein wie er war“ (Phil 2, 5) bedeutet die konsequente Weigerung, die Gottheit „Fatum“, die uns einredet, „so ist es eben, so war es immer“, an irgendwelchen Stellen des Lebens weiter anzubeten. Es bedeutet die Hinreise zur Entäußerung und Hingabe des Ich und die Rückreise mitten in diese Welt. Es bedeutet sterben lernen und auferstehen. Statt auferstehen können wir auch sagen: die Rückreise aus einer Art Tod in das Leben antreten.

Dorothee Sölle (1929 – 2003) in: Die Hinreise, Stuttgart 1975

Die Welt ist das große Mysterium

Foto: © wak

 

Also, mein liebes Gemüte,
forsche nach dem Baum des christlichen Glaubens recht.
Er stehet nicht in dieser Welt.
Wohl muss er in dir sein,
aber du musst mit dem Baume mit Christus in Gott sein,
also dass dir diese Welt nur anhange,
wie denn sie Christus auch nur anhing.
Doch nicht also zu verstehen,
dass diese Welt vor Gott
nichts taugte oder nicht nütze wäre.
Sie ist das große Mysterium.

Jakob Böhme (1575 – 1624)

O magnum mysterium…

Mehr zu dem 1994 entstandenen Werk „O magnum mysterium“ von Morten Lauridsen hier: https://www.interkultur.com/de/newsroom/wettbewerbe-festivals/details/news/morten-lauridsen-o-magnum-mysterium/