Empfehlungen für Zen-Schüler

In der Welt leben, aber nicht am Staub der Welt festhalten oder Bindungen schaffen: das ist der Weg des wahren Zen-Schülers.

Wenn du siehst, wie jemand gute Taten vollbringt, sporne dich an, seinem guten Beispiel zu folgen. Hörst du aber, dass jemand falsch gehandelt hat, nimm dir vor, selbst nicht ebenso zu handeln.

Auch wenn du dich allein in einem dunklen Raum befindest, benimm dich so, als ob ein hoher Gast bei dir wäre.

Drücke deine Gefühle aus, drücke aber nicht mehr aus, als du wirklich fühlst.

Armut ist dein Reichtum. Tausche sie nicht gegen ein bequemes Leben ein.

Ein Mensch mag wie ein Narr erscheinen, ohne dumm zu sein. Vielleicht will er seine Weisheit bewahren und hütet sie sorgfältig.

Tugend ist das Ergebnis von Selbstdisziplin und fällt nicht von alleine vom Himmel wie Regen oder Hagel.

Bescheidenheit ist die Grundlage aller Tugenden. Lass die anderen dich finden, bevor du dich ihnen zu erkennen gibst.

Ein edles Herz drängt sich nicht vor. Es äußert sich nur selten, so wie man wertvolle Edelsteine nur selten herzeigt.

Jeder Tag ist ein guter Tag für den wahren Schüler. Die Zeit vergeht, er fällt aber nie zurück.

Weder Ruhm noch Schande kann sein Herz bewegen.

Diskutiere nicht über Richtig und Falsch. Kritisiere immer dich selbst und nie andere.

Einige Dinge wurden lange Zeit für falsch angesehen, obwohl sie richtig waren. Da der Wert der Rechtschaffenheit vielleicht erst Jahrhunderte später erkannt wird, ist es unnötig, sofortige Wertschätzung zu erwarten.

Warum überlässt du nicht alles dem großen Gesetz des Universums und lebst jeden Tag mit einem friedlichen Lächeln?

Genaue biographische Daten von Zengetsu, dem Autoren der Empfehlungen, sind nicht bekannt. Bekannt ist allerdings, dass er Schüler von Tokusan (782 – 865) und Sekiso (807 – 888) gewesen ist.

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Mystiker und Wirklichkeit

Sich von geliebten Dingen und geliebten Gedanken zu lösen, fordern fast alle mystischen Lehrer. Dass die Welt mit ihren Bindungen und Konfrontationen nicht mehr wichtig sein dürfe, sobald es um Gott geht, ist ohnehin eine Grundüberzeugung christlicher Lebenslehre. Man könnte deshalb annehmen, die Mystiker seien nicht an der Wirklichkeit interessiert und würden sich ihr so wenig wie möglich aussetzen. Im Sinne eines spirituellen Leitbildes hielten das wohl auch die meisten für die richtige Haltung. Die historischen Zeugnisse und die Texte der Mystiker zeigen jedoch auch das genaue Gegenteil. Eine spezifische Lebens- und Charakterprägung durch Mystik zu vermuten, ist offenbar falsch. Sich einzumischen, besonders wenn es um Bildungs- und Kulturpolitik ging, schien auch Mystikern nötig; mit Kirchenpolitik waren sie unter Umständen ohnehin amtlich befasst. Diese „Öffentlichkeitsarbeit“ konnte durchaus in ein Spannungsverhältnis zur Aussage der mystischen Texte geraten.

Uta Störmer-Caysa: Einführung in die mittelalterliche Mystik. Leipzig/Stuttgart 1998, 2004, S. 1o-11