Auf dem Weg zur Gelassenheit

Die massiven Einschnitte in das Leben vieler Menschen durch die Corona-Pandamie und die lang andauernden Einschränkungen durch Lockdowns haben so deutlich wie sonst kaum spürbar werden lassen, dass es an Gelassenheit mangelt, an Gleichmut. Im Christentum wie im Buddhismus sind Gelassenheit und Gleichmut wesentliche Konstanten in unruhigen Zeiten. Mit dem von Meister Eckhart erstmals in den Sprachgebrauch eingeführten Begriff der „gelazenheit“ und seiner Bedeutung, kann sich der Mensch auf den Weg machen, von seiner Ichbezogenheit wegzukommen. Am Ende dieses Weges der Gelassenheit sind Ruhe, Weisheit und Hingabe zu finden. Und das über die Grenzen von Religionen und Konfessionen hinweg.

Bei Buddha und in Texten von Meister Eckhart bis Thomas Merton finden wir Gedanken über Gelassenheit und Gleichmut. Ist Gleichmut im Buddhismus Teil der Geistesschulung, wo es um Nicht-Anhaften und Unterscheidung geht, wird im Christentum betont, dass der gelassene Mensch im Jetzt lebt und sein Ego hinter sich lässt. Das hat ganz praktische Konsequenzen für das konkrete Leben im Alltag. Und es hilft, Krisenzeiten besser durchstehen zu können.  Diesen Impulsen nachzuspüren ist ebenso spannend wie lohnend.  (w.a.k.)

Gold errichtet nicht die Kirche sondern vernichtet sie

Als wir uns nach den Sitten der Einwohner erkundigten, machten wir die auffallende Wahrnehmung, dass sie von Kauf und Verkauf nichts wissen. Betrug und Diebstahl sind ihnen unbekannte Begriffe. Gold und Silber, das die Menschen als höchstes Gut preisen, besitzen sie nicht und haben auch kein Verlangen darnach. Als ich dem Priester zehn Goldstücke anbot, wies er sie zurück und erklärte mit hoher Weisheit: Gold errichtet nicht die Kirche, sondern vernichtet sie.

Sulpicius Severus (ca. 360 – 420/425) / Serverus hatte die erste Biographie des Martin von Tour geschrieben

Aller Dinge Grund und Anfang

Foto: © wak

 

Ich bekenne Einen ewigen Gott, der da ist das ewige, unanfängliche, einige, gute Wesen, das da außer aller Natur und Kreatur in sich selber wohnet, und keines Orts noch Raumes bedarf, auch keiner Meßlichkeit, vielweniger einigem Begriff der Natur und Kreatur unterworfen ist. Und bekenne, dass dieser einige Gott dreifältig in Personen sei, in gleicher Allmacht und Kraft, als Vater, Sohn und heiliger Geist. Und bekenne, dass dieses dreieinige Wesen auf einmal zugleich alle Dinge erfülle, und auch aller Dinge Grund und Anfang sei gewesen, und noch sei. Mehr glaube und bekenne ich, dass die ewige Kraft, als das göttliche Hauchen oder Sprechen, sei ausgeflossen und sichtbar worden; in welchem ausgeflossenen Worte der innere Himmel und die sichtbare Welt stehet, samt allem kreatürlichen Wesen, dass Gott habe alle Dinge durch sein Wort gemacht.

Zitat von Jakob Böhme (1575 – 1624) in der „Einführung zu ‚Das Böhme-Lesebuch‘“ von Paul Hankamer

Der vollständige Text ist hier zu lesen:

MAGISCHE BLÄTTER BUCH IV
CI. JAHRGANG WINTER 2020 / 2021
4. Quartalsausgabe November, Dezember, Januar
gebunden

HEFT 10 | November 2020
TITELTHEMA: JACOB BÖHME

https://verlagmagischeblaetter.eu/monatsschrift/magische-blaetter

Bestellt werden können die Magischen Blätter hier: kontakt@verlagmagischeblaetter.eu

so muoz ich alse gar entfremdet sin von allem dem

 

 

Eine der Gefahren, die Corona mitsichbringen könnte, ist die der Entfremdung – auf vielen Ebenen. Mal kurz danach sehend, stoße ich darauf:

Eya, sol ich nu daz sprechen gotes in mir vernemen,
so muoz ich alse gar entfremdet sin von allem dem…

Das wahre Wort der Ewigkeit wird allein in der Ewigkeit ausgesprochen, wo der Mensch Wüste ist und seiner selbst und aller Mannigfaltigkeit entfremdet. Nach dieser Wüste und Fremde begehrte der Prophet, als er sprach: »Ach, wer gibt mir Flügel wie die Taube hat, auf dass ich fliegen könnte, wo ich Ruhe finde?« Wo findet man Ruhe und Rast? Wahrlich, da wo man aller kreatürlichen Dinge entworfen und entwüstet und entfremdet ist.

http://www.zeno.org/…/Predi…/Predigten/3.+Von+der+Dunkelheit

Mehr zum Begriff „Entfremdung“, den Meister Eckhart in den deutschen Sprachgebraucht eingeführt hat, findet sich hier: https://elearning.fhsg.ch/mod/wiki/view.php?pageid=227

Meister Eckhart: Tröster im Geist – Tröster im Herzen

1956 gab Friedrich Heer eine Sammlung mit Texten von Meister Eckhart heraus

Gott ist Geist; also muß der Geist des Menschen sich so sehr weiten, daß er Gott-Geist vernehmen kann. So fallt Eckhart von zwei Seiten her eine riesenhafte Aufgabe zu: Tröster im Geist, Tröster im Herzen, Tröster in der Verfolgung beider soll er sein. Die innige, untrennbare Verbindung von Spekulation und Seelsorge in seinem Werk, in seinem ganzen Denken und Schaffen kommt von daher. Eckhart, der Seelsorger, und Eckhart, der Spekulator, der in die tiefsten Tiefen der Gottheit schauen will, sind eine Person. Die ihm eigentümliche Mächtigkeit seiner Sprache und die ihm eigentümliche Fragwürdigkeit seines Denkens beruhen auf dieser Mischung von zwei großen Anliegen, die kaum jemals in Einem aufbereitet, aufgearbeitet werden können. Sauberes, reines Denken fordert Härte, Selbstzucht, strengste Disziplin vom Denker und den Mit-Denkenden. Das Herz aber sucht Milde, Weichheit, Wärme, Trost. Eckhart will beides vereinen: er will stahlharter Denker sein, der rücksichtslos die bunte Welt zurückdenkt in den Einen, reinen Begriff, und er weiß sich als Tröster berufen bekümmerter Herzen.

Friedrich Heer (1916 – 1983) in: Meister Eckhart. Predigten und Schriften. Ausgewählt und eingeleitet von Friedrich Heer. Frankfurt/M. / Hamburg, 1956, S. 19

Mystik ist eine Reise

Foto: © wak

Mystik ist eine Reise und ihre Texte sind Reiseführer, Beschreibungen eines Weges, des Rückweges der Seele zu sich oder zu ihren Gründen, zu dem, was das Sein bedeutet. Es ist eine Wegbeschreibung und Führung, kein Begriff, kein Urteil, kein Schluss, keine Identifikation oder Differenzierung.

Stephan Grätzel (*1953) in: Die Vollendung des Denkens. Vorlesungen zu Philosophie und Mystik, London 2005. S. 121

Unergründlich wie die grenzenlose Leere

Alle Wesen und alle Erleuchteten sind an sich nichts als der Eine Geist, und alles andere ist nichts. Dieser Geist ist ohne Anfang, ungeboren und unzerstörbar, ohne Form, ohne Erscheinung. Er gehört nicht zu den Dingen, die existieren oder nicht existieren. Er ist weder lang noch kurz, weder groß noch klein, denn er ist jenseits aller Beschränkungen, aller Maßeinheiten, Namen, Spuren und Vergleiche. Es ist das, was immer gegenwärtig ist – aber sobald du Begriffe davon bildest, bist du sofort im Irrtum. Dieser Geist ist unermesslich und unergründlich wie die grenzenlose Leere.

Huang Po (um 850)

Achtsamkeit: Leben, Verständnis, Mitgefühl

Nur wenige Begriffe finden meines Erachtens gegenwärtig so viel missbräuchliche Verwendung wie „Achtsamkeit“. Dieses Wort ist in vielen Bereichen zu einem Modewort verkommen, das inhaltsleer zu werden droht. So ist es gut, sich an seine tiefere Bedeutung zu erinnern. Die „Sieben Wunder der Achtsamkeit“ von Thich Nhat Hanh können dazu einen hervorragenden Beitrag leisten. wak

Foto: © wak

Achtsamkeit besteht darin, unsere authentische Präsenz hervorzubringen, uns im Hier und Jetzt lebendig werden zu lassen und mit den Dingen in Berührung zu kommen.

Achtsamkeit lässt uns erkennen, dass das Leben bereits da ist. Wir können wirklich mit ihm in Kontakt sein und ihm Sinn und Tiefe geben.

Achtsamkeit schenkt dem Objekt unserer Betrachtung Lebenskraft, berührt und umarmt es. Das macht uns selbst lebendig und das Leben wird realer. Dies gibt uns Nahrung und Heilung.

Achtsamkeit vermittelt Sammlung und Konzentration. Wenn wir in unserem Alltag konzentriert sind, werden wir alles tiefer betrachten und besser verstehen können.

Achtsamkeit ermöglicht tiefes Schauen und lässt uns das Objekt unserer Betrachtung außerhalb und in uns selbst besser erkennen.

Achtsamkeit führt zu Verstehen, das tief aus unserem Inneren kommt. Wir erlangen Klarheit und so wird die Bereitschaft zur Akzeptanz gefördert.

Achtsamkeit führt zur Befreiung durch die so gewonnenen Einsichten. Wo immer wir Achtsamkeit praktizieren, ist Leben, Verständnis und Mitgefühl.

Thich Nhat Hanh (*1926)

Unermesslich und unergründlich

Alle Wesen und alle Erleuchteten sind an sich nichts als der Eine Geist, und alles andere ist nichts. Dieser Geist ist ohne Anfang, ungeboren und unzerstörbar, ohne Form, ohne Erscheinung. Er gehört nicht zu den Dingen, die existieren oder nicht existieren. Er ist weder lang noch kurz, weder groß noch klein, denn er ist jenseits aller Beschränkungen, aller Maßeinheiten, Namen, Spuren und Vergleiche. Es ist das, was immer gegenwärtig ist – aber sobald du Begriffe davon bildest, bist du sofort im Irrtum. Dieser Geist ist unermesslich und unergründlich wie die grenzenlose Leere.

Huangbo Xiyun / Huang Po († 850)

Immer gegenwärtig

Alle Wesen und alle Erleuchteten sind an sich nichts als der Eine Geist, und alles andere ist nichts. Dieser Geist ist ohne Anfang, ungeboren und unzerstörbar, ohne Form, ohne Erscheinung. Er gehört nicht zu den Dingen, die existieren oder nicht existieren. Er ist weder lang noch kurz, weder groß noch klein, denn er ist jenseits aller Beschränkungen, aller Maßeinheiten, Namen, Spuren und Vergleiche. Es ist das, was immer gegenwärtig ist – aber sobald du Begriffe davon bildest, bist du sofort im Irrtum. Dieser Geist ist unermesslich und unergründlich wie die grenzenlose Leere.

Huangbo Xiyun († 850)