Gnosis nenn‘ ichs

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Urprinzipium aller Dinge, erster Grund des Seins und Leben ist der Geist,

Zweites Wesen, ausgegossen von dem ersten Sohn des Geistes, ist das Chaos,

und das dritte, das von beiden Sein und Bildung hat empfangen, ist die Seele.

Und sie gleicht dem scheuen Wilde,

das gehetzt wird auf der Erde,

Von dem Tod, der seine Kräfte,

Unentwegt an ihr erprobt.

Ist sie heut im Reich des Lichtes,

Morgen ist sie schon im Elend,

Tief versenkt in Schmerz und Thränen,

Der Freude folgt die Thräne,

der Thräne folgt der Richter,

dem Richter folgt der Tod –

Und im Labyrinthe irrend, sucht vergebens sie den Ausweg.

Da sprach Jesus: „Schau, o Vater,

Auf dies heimgesuchte Wesen,

Wie es, fern von deinem Hauche,

Kummervoll auf Erden irret,

Will entfliehn dem bittren Chaos,

Aber weiß nicht, wo der Aufstieg.

Ihm zum Heile sende, Vater,

Mich, dass ich herniedersteige,

Mit den Siegeln in den Händen,

Die Äonen all durchschreite,

Die Mysterien all eröffne,

Götterwesen ihm entschleire,

Und des heilgen Wegs Geheimnis,

Gnosis nenn‘ ichs, ihm verkünde.“

Naassenischer Hymnus oder Naassenischer Psalm /120 – 140 u.Z.

Übersetzer Adolf von Harnack (1851 – 1930)

Alle Erkenntnis übersteigen

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Darin liegt die eigentliche Erkenntnis des Gesuchten, darin das Sehen im Nicht-Sehen, dass der Gesuchte alle Erkenntnis übersteigt, wie durch Finsternis durch seine Unbegreiflichkeit auf allen Seiten abgeschlossen.

Gregor von Nyssa (334-394) in seiner Schrift „Aufstieg des Moses“

Mystische Verschmelzung

Die umarmende Geschlechtsliebe ist die innigste und reifste erotische Liebesart,
die mystische Frömmigkeit ist die innigste und reifste Religiosität.
Die mystische Verschmelzung von Mann und Weib ist ein Gleichnis dafür, dass wir fähig sind, den Austritt aus der Individualität und den Aufstieg in die Fülle der Ganzheit anschaulich zu erleben.
Die mystische Verschmelzung von Mensch und Gott ist die vollendetste Ausprägung der Liebesreligion.

Walter Schubart  (1897 – † nach 1941 ) in „Religion und Eros“, S. 143

Beginen heute: Provozierend?

„Marguerite Porete ist die erste Begine, die der Inquisition zum Opfer fällt. Der Grund ist ein kühnes Buch, das sie geschrieben hat, der „Spiegel der einfachen Seelen „. Marguerite hat es vermutlich in den Jahren nach 1290 verfasst. Sie beschreibt darin den Aufstieg der „einfachen Seele“ hin zur mystischen Verbindung mit Gott. Zu ihm, den sie geheimnisvoll den „Fernnahen“ nennt, gelange die Seele über sieben Stufen, um in
leidenschafts- und wunschloser Selbstentsagung alle irdischen Bande abzustreifen und sich mit dem Göttlichen zu vereinigen. Die Seele selbst wendet sich in diesem Buch an den Leser, belehrt ihn und führt Gespräche mit den Personifikationen der Liebe und der Vernunft. Vor allem aber bedarf die Seele, wie Marguerite Porete sie schildert, keiner Heilsvermittlung durch die Kirche, denn von einer bestimmten Stufe ihres Aufstiegs an ist
sie frei von Sünde und eins mit Gott im Gutsein und in der Liebe – eine Provokation für die Kirche.“ So schreibt Letha Böhringer in der „Zeit“ unter dem Titel „Falsche Nonnen. Beginen wie Marguerite Porete lebten fromm und ehelos außerhalb der großen Orden. Was hatte die Kirche gegen sie?“ (online 15. Oktober 2014 – 17:39 Uhr).

Letha Böhringer schreibt hier eine wichtige Erinnerung an eine große Frau, die zu Unrecht nur selten wahr-genommen wird (im doppelten Sinn des Wortes).

Provozierend war Marguerite Porete. Ja. Unter schwierigsten Bedingungen.

Aber wie provozierend sind die „neuen“ Beginen, jene Frauen, die die mittelalterliche Bewegung Mitte der 80er Jahre des letzten Jahrtausends neu belebten und in verschiedenen Ausprägungen reanimierten. Bei einem genauen Vergleich schneiden sie – so denke ich – schlecht ab.

„Tradition ist nicht das Halten der Asche, sondern das Weitergeben der Flamme“ soll Thomas Morus mal gesagt haben. Doch was ist heute übrig geblieben von den Aspekten Frauenbewegung, Sozialbewegung, Reformbewegung und Beginenmystik? Welche Flamme wollen die neuen Beginen noch weitergeben?

Aus dem neu erstehen einer Beginen-Bewegung ist eher eine Beginenhof-Bewegung geworden, die mit den Ursprüngen wenig zu tun hat. Mehr dazu findet sich in der Vortragspräsentation meines Vortrags in der Bensberger Thomas-Morus-Akademie:

Beginen im dritten Jahrtausend?  Kritische Anmerkungen zur Adaption einer Lebensform aus dem Mittelalter

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https://de.scribd.com/doc/106655137/Beginen-im-dritten-Jahrtausend

http://wernerkrebber.wordpress.com/2012/09/22/beginen-im-dritten-jahrtausend/

Den ganzen Artikel von Letha Böhringer gibt es hier: http://www.zeit.de/zeit-geschichte/2014/03/beginen-kirche-christliches-leben

Siehe auch:

Gertrud Hofmann / Werner Krebber

Die Beginen – Geschichte und Gegenwart

hkdiebeginenhttp://www.toposplus.de/shop/productdetailtopos.asp?productid=22060