Drei Arten in den Genuss der Kontemplation zu gelangen

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Drei Männer hatten vor allem mit der Bundeslade des Alten Testaments zu tun: Moses, Beseleel und Aaron. Moses erfuhr auf dem Berge von unserem Herrn, wie sie gebaut werden sollte. Beseleel baute und fertigte sie im Tale an nach dem Urbild, das Moses auf dem Berge gezeigt worden war. Aaron war sie im Tempel anvertraut, und deshalb konnte er sie schauen und ihre Nähe spüren, sooft er wollte. Nach dem Vorbild und Gleichnis dieser drei Männer können wir aus der Gnade der Kontemplation in dreifacher Weise Nutzen ziehen. Manchmal kommt man zu diesem Werk nur aus Gnade, und dann gleichen wir Moses, der trotz aller Mühe, die es ihn kostete, den Berg zu erklimmen, nur selten die Lade schauen konnte; denn die Schau war für ihn nur möglich, weil Gott nach Seinem Willen sich ihm zeigte und nicht etwa, weil Moses sie sich durch seine Mühe verdient hatte. Andere Male ziehen wir Nutzen daraus durch unsere eigene geistige Kunstfertigkeit mit Hilfe der Gnade, und dann gleichen wir Beseleel, der die Bundeslade nicht eher sehen konnte, als bis er sie durch seiner Hände Arbeit mit Hilfe des Urbildes angefertigt hatte, das Moses auf dem Berg gezeigt worden war. Andere Male ziehen wir Nutzen aus dieser Gnade durch die Lehren anderer Menschen. Dann gleichen wir Aaron, dem die Lade, die Beseleel mit eigenen Händen angefertigt hatte, anvertraut war, und der sie gewöhnlich sehen und ihre Nähe spüren konnte, sooft er wollte. Siehe, mein geistlicher Freund, obwohl ich kindlich und laienhaft gesprochen habe, nehme ich Elender, der ich unwürdig bin, irgendeinen Menschen zu belehren, doch das Amt des Beseleel ein, indem ich für dich sozusagen diese geistliche Bundeslade anfertige und dir ihre Beschaffenheit erkläre. Aber weit besser und würdiger als ich kannst du wirken, wenn du Aaron sein willst; das heißt, wenn du ohne Unterlaß darin für dich und mich wirken willst. Ich bitte dich, tue also, um der Liebe Gottes, des Allmächtigen willen. Da wir beide von Gott berufen sind, in diesem Werk zu wirken, bitte ich dich, Gott zuliebe zu deinem Teil zu erfüllen, was mir an meinem fehlt.

Aus der „Wolke des Nichtwissens“ / 14. Jahrhundert

Feuriges Licht mit Blitzesleuchten

Im dreiundvierzigsten Jahre meines Lebenslaufes schaute ich ein himmlisches Gesicht. Zitternd und mit großer Furcht spannte sich ihm mein Geist entgegen. Ich sah einen sehr großen Glanz. Eine himmlische Stimme erscholl daraus. Sie sprach zu mir:
„Gebrechlicher Mensch, Asche von Asche, Moder von Moder, sage und schreibe, was du siehst und hörst! Doch weil du schüchtern bist zum Reden, einfältig zur Auslegung und ungelehrt, das Geschaute zu beschreiben, sage und beschreibe es nicht nach der Redeweise der Menschen, nicht nach der Erkenntnis menschlicher Erfindung noch nach dem Willen menschlicher Abfassung, sondern aus der Gabe heraus, die dir in himmlischen Gesichten zuteil wird: wie du es in den Wundern Gottes siehst und hörst. So tu es kund wie der Zuhörer, der die Worte seines Meisters erlauscht und sie ganz, wie der Meister es meint und will, wie er es zeigt und vorschreibt, weitergibt. So tu auch du, o Mensch! Sage, was du siehst und hörst, und schreibe es, nicht wie es dir noch irgendeinem andern Menschen gefällt, sondern schreibe es nach dem Willen dessen, der alles weiß, alles sieht, alles ordnet in den verborgenen Tiefen seiner geheimen Ratschlüsse.“ Und wieder hörte ich die Stimme vom Himmel zu mir sagen: „So tue denn diese Wunder kund! Und schreibe sie, also belehrt, auf und sprich“.

Im Jahre 1141 der Menschwerdung Jesu Christi, des Gottessohnes, als ich zweiundvierzig Jahre und sieben Monate alt war, kam ein feuriges Licht mit Blitzesleuchten vom offenen Himmel hernieder. Es durchströmte mein Gehirn und durchglühte mir Herz und Brust gleich einer Flamme, die jedoch nicht brannte sondern wärmte, wie die Sonne den Gegenstand erwärmt, auf den sie ihre Strahlen legt. Nun erschloß sich mir plötzlich der Sinn der Schriften, des Psalters, des Evangeliums und der übrigen katholischen Bücher des Alten und Neuen Testamentes. Doch den Wortsinn ihrer Texte, die Regeln der Silbenteilung und der (grammatischen) Fälle und Zeiten erlernte ich dadurch nicht.
Die Kraft und das Mysterium verborgener, wunderbarer Gesichte erfuhr ich geheimnisvoll in meinem Innern seit meinem Kindesalter, das heißt, seit meinem fünften Lebensjahre, so wie auch heute noch. Doch tat ich es keinem Menschen kund, außer einigen wenigen, die wie ich im Ordensstande lebten. Ich deckte alles mit Schweigen zu bis zu der Zeit, da Gott es durch seine Gnade offenbaren wollte.
Die Gesichte, die ich schaue, empfange ich nicht in traumhaften Zuständen, nicht im Schlafe oder in Geistesgestörtheit, nicht mit den Augen des Körpers oder den Ohren des äußeren Menschen und nicht an abgelegenen Orten, sondern wachend, besonnen und mit klarem Geiste, mit den Augen und Ohren des inneren Menschen, an allgemein zugänglichen Orten, so wie Gott es will. Wie das geschieht, ist für den mit Fleisch umkleideten Menschen schwer zu verstehen.

Hildegard von Bingen (1098 -1179) in ihrer Einleitung zu „scivias“ (Wisse die Wege)