Er überschreitet alle Grenzen

Alle Buddhas und alle Lebewesen sind nichts als der Eine Geist, neben dem nichts anderes existiert.Dieser Geist, der ohne Anfang ist, ist ungeboren und unzerstörbar. Er ist weder grün noch gelb, hat weder Form noch Erscheinung. Er gehört nicht zu der Kategorie von Dingen, die existieren oder nicht existieren. Auch kann man nicht mit Ausdrücken wie alt oder neu von ihm denken. Er ist weder lang noch kurz,weder groß noch klein, denn er überschreitet alle Grenzen, Maße, Namen, Zeichen und Vergleiche. Du siehst ihn stets vor dir, doch sobald du über ihn nachdenkst, verfällst du dem Irrtum. Er gleicht der unbegrenzten Leere, die weder zu ergründen noch zu bemessen ist.

Huang Po (um 850)

Heut gedenk‘ ich alter Zeit

Abendnebeldunst-
heut gedenk‘ ich alter Zeit –
Ach, wie ist sie fern!

Kobayashi Issa (1763 – 1827)
eigentlich Kobayashi Noboyuki

 

Allen Leserinnen  und Lesern von mystik aktuell wünsche ich ein gelungenes Jahr 2016!

Ihr Werner Anahata Krebber

Alte Kirchen – neue Inhalte?

neueinhalte

Martin Schneider über die neue Nutzung alter Kirchen in Gelsenkirchen

in der „Süddeutschen“ vom 14. März 2015

Es ist ein Kreuz mit alten Kirchen. In Gelsenkirchen sogar Heilig-Kreuz (und Sankt Georg). Zwei Kirchen, deren ursprünglicher Sinn, darin Messe zu feiern etc. ad acta gelegt wurde. Und was für Kirchen!

http://de.wikipedia.org/wiki/Heilig_Kreuz_%28Gelsenkirchen%29

http://www.lwl.org/kulturatlas/Panorama?0=182625

http://de.wikipedia.org/wiki/St.-Georgs-Kirche_%28Gelsenkirchen%29

Dabei geht es nicht nur darum, dass sakrale Räume aufgegeben und einer neuen Nutzung zugeführt werden.  Die mag so sinnvoll sein wie immer sie will. Genannt werden für die Aufgabe von Gebäuden mit sinnstiftender Funktion immer finanzielle Gründe, die hier z.B. das Bistum Essen dazu bewegen. Und dieses Bistum steht da nicht allein – es ist bundesweit so zur Devise geworden: Was sich nicht „rechnet“ muss weg.

Tragisch daran ist, dass Menschen ein Stück Heimat, ein Ort der Begegnung – mit Gott und mit Menschen, ein Zuhause, ein Stück Sicherheit etc. genommen wird. Menschen, die in diesen Kirchen zum Teil alt geworden sind. Sie werden allein gelassen von einer Institution, deren eigentliche Aufgabe es ist (oder war?), Sinn zu stiften. Aus einer vorgeschobenen finanziellen Notwendigkeit wird so ein pastorales Desaster mit einer nicht nur „metaphysischen“ Heimatlosigkeit. Und ein Stück mehr Kulturverlust.

Utopie

Religion und Liebe beinhalten das Schema einer analog gebauten Utopie.
Sie sind jede für sich ein Schlüssel aus dem Käfig der Normalität.
Sie öffnen die Normalität auf einen anderen Zustand hin.

Die Köstlichkeit, die Symbolkraft, das Verführerische der Liebe
wächst mit ihrer Unmöglichkeit.

Ulrich Beck und Elisabeth Beck-Gernsheim

 

Und dennoch –
versuchen wir es.

Was bleibt uns anderes übrig?
Wir suchen

und wir finden
uns wieder

in einem du.
Wir überschreiten Grenzen.

Wir überschreiten uns selbst.
Wir transzendieren uns.

Wir transformieren uns.
Wir verwandeln uns.

Wir sehen die Welt
mit den Blicken

der Liebenden –
alles, alles annehmend,

verzaubernd,
vergebend.

Vergehend.
Wir lassen uns fallen.

Und wir fallen –
tief.

Und dennoch:
Versuchen wir es!

Stehen wir wieder auf,
erheben wir uns

über unseren Stolz,
über unser altes Selbst,

resignieren wir
nicht eine Sekunde lang!

Erheben wir uns
und einander!

Versuchen wir es!

 

25.1.2015

Hannah Buchholz

Quelle: Ulrich Beck und Elisabeth Beck-Gernsheim:
Das ganz normale Chaos der Liebe,
S. 231 und S. 9

Mehr Lyrik von Hannah Buchholz gibt es hier: https://hannahbuchholz.wordpress.com/

Eins mit sich selbst

Man sieht oft alte Menschen, in deren Gegenwart – so alt ihr Körper auch sei – die majestätische und schwerelose Eleganz einer Ballettänzerin innewohnt. Sie sind in das Mysterium wahren Einsseins eingedrungen. Sie sind eins mit sich selbst. Dieses Einssein ist die Essenz aller Zugehörigkeit; ohne diese verborgene Einigkeit aller Dinge wäre kein Zugehören möglich. Das Einssein ist auch das geheime Anderswo, in dem jetzt die Gegenwart all jener aufgehoben ist, die aus unserem Leben verschwunden sind; sie gewährleistet, dass die Abwesenheit keine Leere ist.

John O’Donohue (1956 – 2008) in: Echo der Seele. Von der Sehnsucht nach Geborgenheit

Die Trendwende hat begonnen

Das alte Paradigma lautete: Wir sind Wesen, die Geist entwickelt haben, durch Verfehlung aber von Gott abgekommen sind.
Das neue Paradigma lautet: Wir sind nie aus Gott herausgefallen. Was wir Gott nennen, entfaltet sich wie ein Fächer in der Evolution. Wir sind eine Epiphanie Gottes. Wir können unsere wahre Natur nur nicht erkennen. Wir sind nicht abgefallen von dieser ersten Wirklichkeit, wie die “Ursünde” uns das deuten will. Wir haben nur vergessen, dass wir aus dieser Wirklichkeit kommen und nie herausfallen können. Wir halten uns für den Strand, der nach dem Meer lechzt. Wir sind das Meer, das mit dem Strand spielt. In dieser Erkenntnis liegt die Zukunft unserer Spezies.

Die Trendwende in den Religionen hat begonnen.

Willigis Jäger (* 1925)

Essenz aller Zugehörigkeit

Man sieht oft alte Menschen, in deren Gegenwart – so alt ihr Körper auch sei – die majestätische und schwerelose Eleganz einer Ballettänzerin innewohnt. Sie sind in das Mysterium wahren Einsseins eingedrungen. Sie sind eins mit sich selbst. Dieses Einssein ist die Essenz aller Zugehörigkeit; ohne diese verborgene Einigkeit aller Dinge wäre kein Zugehören möglich. Das Einssein ist auch das geheime Anderswo, in dem jetzt die Gegenwart all jener aufgehoben ist, die aus unserem Leben verschwunden sind; sie gewährleistet, dass die Abwesenheit keine Leere ist.

John O’Donohue (1956 – 2008) in: Echo der Seele. Von der Sehnsucht nach Geborgenheit

Brücke um ans andere Ufer zu gelangen

Selbst wenn ein Mensch hundert Jahre alt wird,
Ist doch sein Leben wie schwimmendes Wassergras,
ostwärts, westwärts, ohne eine Zeit der Ruhe.
Shakyamuni entsagte seiner adligen Herkunft
und widmete sein Leben,
Um andere davor zu bewahren sich selbst zu zerstören.
Achtzig Jahre auf dieser Erde,
Fünfzig Jahre das Dharma verkündend,
Schenkt er die Sutren als ein ewiges Erbe;
Selbst heute noch eine Brücke.
um ans andere Ufer zu gelangen.

Ryokan (1758 – 1831)

Natürlicher Verlauf

I.
Es ist der natürliche Verlauf, daß ich alt werde.
Es gibt keinen Weg, dem Altern zu entgehen.

II.
Es ist der natürliche Verlauf, daß ich Krankheiten bekommen werde.
Es gibt keinen Weg, dem Krankwerden zu entgehen.

III.
Es ist der natürliche Verlauf, daß ich sterben werde.
Es gibt keinen Weg, dem Tod zu entgehen.

IV.
Es ist der natürliche Verlauf, daß alles woran ich hänge,
und alle, die mir lieb sind, sich verändern.
Es gibt keinen Weg, dem Getrenntwerden von ihnen zu entgehen.

V.
Meine Taten sind mein einzig wirkliches Erbe.
Den Folgen meiner Taten kann ich nicht entgehen.
Meine Taten sind der Boden, auf dem ich stehe.

Thich Nhat Hanh (*1926) in: Der Klang des Bodhibaums, Theseus-Verlag, 2005

Beginne die Übung mit dir selbst

Um Tonglen geht es in der nachfolgenden Passage. Tonglen ist eine alte Technik, die von ungeheurer Aktualität und Dichte ist. Ausführlich berichtet beispielsweise Pema Chödrön von ihr. Dabei ist nicht daran gedacht, sich irgendwann hinzusetzen und sich darüber Gedanken zu machen, Tonglen in der dann eingeplanten Zeit zu praktizieren. Tonglen zu praktizieren – nimmt man es ernst – heißt: vierundzwanzig Stunden, jeden Tag der Woche.

“Tonglen dreht manche modernen esoterischen Wunschmärchen einfach um. Es ist eine Methode, die vor ungefähr 900 Jahren – vielleicht schon früher – entwickelt und durch Atisha, einen tibetischen Meister, bekannt wurde. Das Wort bedeutet einfach ‘austauschen’. In manchen New-Age- oder Esoterik-Kursen oder auch Psychologie-Seminaren lernt man: Wie schütze ich mich vor schlechter Energie oder schlechten Gefühlen oder wie lasse ich Licht in mich rein und blase das Dunkle raus und solche Dinge. Tonglen ist das glatte Gegenteil. Ich nehme, was auch immer mir begegnet an unangenehmem Gefühl oder Erfahrung in mich rein, und was in mir ist an Freude und Stille und schönen Dingen, atme ich aus. Wobei ganz wichtig ist: ‘Beginne die Übung mit dir selbst!’ Das heisst, dass ich zunächst einmal, wenn in mir irgendein unangenehmes, dunkles Gefühl ist, nicht versuche, dieses loszuwerden, sondern es reinzulassen und zu mir selber hin Freude und Friedlichkeit auszuatmen. Wenn’s mit mir geht in einer Situation, dann kann ich als Nächstes die Leute um mich rum mitnehmen, und dann mehr und mehr und mehr … Das ist Tonglen, ein schönes Werkzeug.”

Pyar Rauch in einem Interview mit Charlotte van Stuijvenberg (Lichtwelle, Hinterkappelen CH).

Mehr zu Tonglen von Pyar hier:

http://www.pyar.de/Textseiten%202009/tonglen.htm