Die höchste Wahrheit schauen

Für den Weisen ist jenseits aller Gegensätze alles eins mit dem Absoluten. Wer das verwirklicht hat, der hat nicht mehr unterscheidendes Bewusstsein, sondern höchste Erkenntnis, in der er nicht mehr die Kreaturen schaut, sondern nur noch den Buddha, der in jedem Wesen ist; er schaut nicht mehr die Dinge, sondern nur noch die höchste Wahrheit. Aus seinem Herzen fließt das Große Erbarmen.

Milarepa (1052-1135)

Das Eine Wahre Selbst

Wenn der Mensch sein eigenes Selbst als das Eine Wahre Selbst erkannt hat, wird er selbstlos, und in dieser Selbstlosigkeit ist er keinem Zustand und Umstand mehr unterworfen. Dies ist das höchste Geheimnis und es bedeutet die vollkommene Befreiung. In dieser Selbstlosigkeit nimmt man an keiner Freude und keinem Leid mehr teil, sondern nimmt das Absolute wahr.

Aus den Maitrayani-Upanishaden

Immer und überall zu Hause

„’Gott ist in uns daheim, wir sind in der Fremde‘ (Meister Eckhart 1260-1328). Ein Kernwort der Mystik, Gott ist im Seelengrund des Menschen anwesend, und es ist die wunderbare Berufung des Menschen, in Fühlung zu kommen mit diesem Geheimnis in ihm.“ (Johannes Bours)

In Wirklichkeit sind wir immer und überall zu Hause in dem All-präsenten Göttlichen Geheimnis, aber wir haben uns ihm entfremdet. Unser Bewusstsein ist getrübt, verschleiert, verdunkelt durch Verblendungen, durch irrige Ansichten. In weiten Phasen leben wir oberflächlich, getrieben von Begierden und Aversionen. Auch für überzeugte Christen, Muslime oder Buddhisten ist es ein langer Weg, bis ihre rationalen Glaubenssätze in dem Erfahrungswissen gegründet sind, dass wir niemals und nirgends von „Gott“, dem „Göttlichen“ oder dem „Grund“ (Meister Eckhart) getrennt sind. Dieses Ursprüngliche Wissen kann zwar getrübt oder vergessen sein, aber es meldet sich, immer mal wieder, unvermutet, in Nullpunkt-Erfahrungen und in Gipfelerlebnissen. Die Ahnung von einer ständigen Einheit unseres Selbst mit dem Absoluten, mit „Sat-Chit-Ananda“ – „Sein-Bewusstheit-Glückseligkeit“,  bewegt uns dann, so dass wir uns auf die Suche machen und den Inneren Weg gehen, zögernd zunächst, schließlich entschlossen.

http://adolf.frahling.de/Web-Site/I._Beheimatet.html

Veränderung der Perspektive

Auf der Suche nach der Frage, was die Welt und das materielle Universum überhaupt ausmacht, verflüchtigte sich die Sicht auf eine feste Materie. Was übrig blieb, waren Energiefelder, ein total vernetzter Kosmos und Bewusstsein. Andererseits, wenn Bewusstsein als die wesentliche Realität angenommen wird, lösen sich beinahe alle Widersprüche von selbst. Das ist genau das, was Mystiker seit Urzeiten gesagt und geschrieben haben (Meister Eckhart, Rumi etc.). Und wirklich, Materialismus als die wesentliche Realität vorauszusetzen, tatsächlich irgend etwas vorauszusetzen und daran trotz der vielen, angesichts dieser Voraussetzung zu Tage tretenden Widersprüche festzuhalten, ist schon in sich höchst unwissenschaftlich.

Aufwachen, Erleuchtung, ist ein Wechsel der Perspektive, eine Veränderung des Brennpunktes, eine Umstellung des Paradigmas. Es ist eine Verlagerung aus dem beschränkten, individuellen Brennpunkt des relativen „Ich“ zu einer Sicht des Selbst aus dem Absoluten.

Aus dem Editorial der „Worte zum Aufwachen“

Erfahrung des Absoluten

Die Erfahrung des Absoluten,
die in der Tradition der indischen Mystik
so machtvoll bezeugt wird,
ist in ihrer ganzen Fülle enthalten
in den Worten Jesu:
„Ich und der Vater sind eins“.

Henri Le Saux, (1910-1973)

Fließen aus dem Herzen

Für den Weisen ist jenseits aller Gegensätze alles eins mit dem Absoluten. Wer das verwirklicht hat, der hat nicht mehr unterscheidendes Bewusstsein, sondern höchste Erkenntnis, in der er nicht mehr die Kreaturen schaut, sondern nur noch den Buddha, der in jedem Wesen ist; er schaut nicht mehr die Dinge, sondern nur noch die höchste Wahrheit. Aus seinem Herzen fließt das Große Erbarmen.

Milarepa (1052-1135)

Verwirklichung des eigenen Nichts

In seinem Grund findet der Mensch den inneren Meister als das „Ziehen“ und „Sich-Wenden“ zu Gott, als Heiligen Geist (den Tauler viel ausdrücklicher nennt als Eckhart und Seuse). Dieser überformt den Menschen und vergottet ihn, zurück in den Ursprung, wo der Mensch von Ewigkeit „Gott in Gott“ war.

Was dabei als „Lauterkeit“ , „Bildlosigkeit“ , „Weiselosigkeit“ usw. beschrieben wird, weist übrigens in die Nähe jener „Leerheit“ , wie sie im Mahayana- Buddhismus, auf dessen Hintergrund sich auch die Zen-Erfahrung ausspricht, als Kennzeichnung des Absoluten verstanden wird, d.h. „ bar jeder Bestimmung“ . Die von Tauler dabei aufgezeigte eigentümliche Rolle der Verwirklichung des eigenen Nichts – im Nichts Gottes – ist für Tauler das wichtigste Moment auf dem Wege der Entdeckung der inneren Welt!

aus: Altabt Emmanuel Junglaussen OSB, Die Bedeutung des Nichts für den Mystischen Weg bei Johannes Tauler. Ein Beitrag zum interreligiösen Dialog. In: Die beiden Türme 41(2005), Nr. 87,S. 22-30

Mystisches Bewusstsein

Mystisches Bewusstsein trägt uns in die unendliche Weite des Überbewusstseins in die Bereiche des Göttlichen, wo wir frei von unseren menschlichen Begrenzungen, aber völlig vom Göttlichen abhängig sind, um unsere unfassbare Wirklichkeit und Wahrheit erfahren zu können. Der Mystsiker oder kontemplative Seher ist ein Mensch, der, unabhängig von seiner Ursprungstradition, in der Präsenz des Überbewusstseins lebt. Er lebt in der Wirklichkeit des Absoluten, im göttlichen Mysterium, aber er hat auch alle anderen Bewusstseinsebenen (Bewusstsein, Selbstgewahrsein, Unbewusstes und Überbewusstes) in der Tiefe seines Wesens integriert.

Wayne Teasdale. Das mystische Herz. Spirituelle Brücken bauen. Aurum, o.O. 2004, S. 112