Zwischen Erde und Himmel

Als guter Chinese glaube ich an den Atem – den Atem inbegriffen, der die Bewegungen der Erde beseelt. Und ich bin dem Atem der Erdbewegungen dafür dankbar, dass er den guten Einfall hatte, die Oberfläche der Erde nicht glatt und platt wie ein Brett zu lassen. Das wäre entsetzlich monoton und langweilig gewesen, entsetzlich ‚platt‘, wie man so treffend sagt. Ich bin ihm also dafür dankbar, dass er das wunderbare Ding ‚Berg‘ hervorgerufen hat – den Berg, der das Leben zur Höhe bringt und auf dem sich der Atem der Erde und der Atem des Himmels besser vermischen können. Aus dem Inneren des Berges entspringt die Quelle, sie fließt hinab, wird breiter und bildet einen Fluss. Berg und Fluss verkörpern dann besser als alles andere die beiden Lebensprinzipien yang und yin. Der Fluss fließt, macht die Ebenen fruchtbar; er symbolisiert auch das Fließen der Zeit, das scheinbar in gerader Linie und ohne Wiederkehr verläuft. Aber nein, die Zeit ist zirkulär und nicht linear: Das Wasser des Flusses verdunstet nach und nach beim Fließen; der Dunst steigt auf, wird zu Wolken und fällt als Regen auf den Berg nieder, um wiederum den Fluss an seiner Quelle zu nähren. Über dem ‚erdnah-nüchternen‘ Fließen in einer Richtung wirkt also eine kreisförmige Bewegung zwischen Erde und Himmel. Der Berg schickt seinen Ruf hinaus zum Meer, das Meer antwortet dem Berg – in diesem Lebensgesetz liegt Schönheit…

Francois Cheng, Fünf Meditationen über die Schönheit, München 2013, S. 52/53

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