Einheit aller Dinge

Gerade lese ich eine Biografie Buddhas von Thich Nhat Hanh. Dort zitiert er Buddha mit dem Satz „die Quelle eines Dings sind alle Dinge“. In diesem kurzen Ausspruch ist die ganze Wahrheit und Schönheit der Existenz enthalten, die in einem ständig bewegten Netzwerk der Abhängigkeit und Verbindung von allem mit allem tanzt. Nichts existiert aus sich selbst heraus. Jeder kleinste Kiesel, jedes Kunstwerk, jedes lebende Wesen, jedes Blatt, jeder Stern steht in Beziehung zu allem, ist in seiner Entstehung abhängig von allem und in seinem Dasein verwoben mit allem. So ist in jedem Grashalm die Sonne, der Wind, der Regen, die Erde, die Mineralien, die Tiere, das ganze Universum enthalten. Die meisten Menschen sind sich dessen nicht bewusst, und die Unbewusstheit, die Unwissenheit ist die tiefste Wurzel des Leidens. Sie führt zur Abgrenzung zu „ich und der Rest der Welt“, führt zu Gier und Hass, zu Eifersucht und Neid mit allen ihren Folgen im Kleinen wie im Großen.

Im Bewusstsein der Einheit aller Dinge, der Vernetztheit aller Dinge, der Abhängigkeit und Unbeständigkeit aller Dinge, Wesen und Phänomene zu leben, heißt in Freude, Dankbarkeit und Staunen zu leben. Und wenn wir in dieser Bewusstheit von Moment zu Moment leben, dann verstehen wir tiefer und tiefer die Soheit der Dinge und Wesen und die Buddhanatur in allem. Dies ist kein intellektuelles, sondern existentielles Verstehen – eine Reise ohne Ende. Und wenn wir in diesem Bewusstsein und Verstehen leben, können wir nicht anders als in Mitgefühl und Liebe sein. Das ist die Einheit von Weisheit und Mitgefühl. Wenn wir in dieser Bewusstheit, Achtsamkeit und Mitgefühl leben, dann ist Frieden und Gerechtigkeit keine Frage von Regeln oder Moral oder Politik mehr, sondern Essenz des Lebens – dann leben wir in Harmonie mit dem Ganzen. Und dein Herz tanzt mit der Existenz. Dieses Aufblühen in Erkennen, in Meditation ist die spirituelle Revolution, die die einzig wahre Revolution auch auf der Erde möglich macht: „diese Erde – das Lotusparadies“, wie Hakuin sagt. Nur so ist ein Ende des Krieges, ein Ende des Hasses, ein Ende des Leidens möglich.

Pyar Rauch (*1960)

Ein Gedanke zu “Einheit aller Dinge

  1. gisela behrens schreibt:

    danke für diesen beitrag – ja, so empfinde ich es auch – immer wieder aufs neue – leider empfinde ich es nicht durchgehend so tief innerlich, bin dann wieder in etwas innerlich oder äußerlich reaktivem gefangen, das mir dann aber auch wieder etwas deutlich macht und mich immer weiter befreit und mich die tiefe der Existenz und des lebens immer freier spüren lässt – die Einheit der dinge und die Einheit hinter allem und in allem

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